Sa

31

Mär

2012

Tag 88 (Mo., 26.03.2012): Veloma - Auf Wiedersehen

Vor drei Tagen bin ich nach Tana zurückgekehrt, es war fast wie nach Hause kommen: Wie vertraut alles ist, das Hotel, die Kellner im Stammlokal, die dreckige Stadtluft und die schmutzigen Straßen. Ich kenne Abkürzungen durch das Straßennetz über Berg und Tal. Die Souvenirverkäufer quatschen mich kaum noch an. Und mein Lieblingsmitarbeiter im Reisebüro sagt anerkennend: "Sie sehen jetzt aus wie eine Vazaha résidente."

 

Doch dann wird mir klar: Die Recherche-Reise ist vorbei! Drei Monate auf Madagaskar – schon um! Ich habe nicht alle vors Mikro bekommen, die ich interviewen wollte, dafür aber viele Menschen getroffen, mit denen ich nicht gerechnet hatte und die mir umso mehr erzählt haben. Unzählige Informationen und Impressionen gilt es nun zu verarbeiten, privat wie beruflich.

 

Eine kleine Statistik markiert den Anfang vom Ende:

 

0 Malaria

1 Zyklon miterlebt

1 Ratte in meinem Bungalow

3 Wochen Hospitantin bei einer madagassischen Tageszeitung

7 Buschtaxi-Fahrten mit insgesamt 1218 zurückgelegten Kilometern

7 Inlandsflüge mit insgesamt 3125 zurückgelegten Kilometern

35 Wörter Madagassisch

38 Blog-Einträge (inklusive diesem hier)

42 Kakerlaken

60 Stunden Interview-Aufzeichnungen

100+x Lemuren gesehen

 

Mal sehen, wie viele Artikel und Radio-Stücke in den nächsten Wochen entstehen werden. Deswegen in eigener Sache an die Redakteure unter den Lesern: Wenn Sie Interesse an der einen oder anderen Geschichte haben und ich Ihnen noch keine Exposés geschickt habe, dann melden Sie sich gerne bei mir...

 

Veloma - Au revoir - Auf Wiedersehen!

Sa

31

Mär

2012

Tag 85 (Fr., 23.03.2012): Morondava

In Morondava, einer der größten Städte an der Westküste Madagaskars, ist alles ein bisschen anders als andernorts:

 

  • Ein Albino-Mädchen springt über die Straße, Passanten winken ihr zu.
  • Die Moschee steht direkt an der Hauptstraße und überragt alle Gebäude der Stadt, auch die katholische Kirche, die in zweiter Reihe rund hundert Meter Luftlinie entfernt steht.
    [In Fianarantsoa zum Beispiel gibt es 64 Kirchen, also an etwa jeder Ecke und auf jedem Foto.]
  • Stadtbusse werden wirklich "Bus" genannt und nicht "Taxi Be". Außerdem hat jede Bus-Station eine eigene Parkbucht am Straßenrand, Schild "Arrêt Bus" inklusive.
    [In Tana stehen die Taxi Be notgedrungen in doppelter Reihe auf der vornehmlich einspurigen Straße.]
  • An (gefühlt) jedem vierten Stand entlang der Hauptstraße gibt es kleine Tütchen mit hellblauem Pulver und kleine Arzt-Flaschen mit farbloser Flüssigkeit – keine Drogen, sondern Gift gegen Ratten, Kakerlaken und andere unerwünschte Mitbewohner.
    [In Tana habe ich bislang nur einen einzigen solchen Stand gesehen.]
  • Freitag ist Spenden-Tag: Restaurants stellen Plastikwannen mit Baguette-Stücken auf den Fußweg; Frauen mit Kleinkind im Tragetuch und alte Männer ohne Zähne kommen, bitten höflich, ein Stück nehmen zu dürfen, greifen in die Kiste und stecken das Brot schnell in die Tüte unterm Arm oder in den Korb auf dem Kopf. [Statt bettelnd auf dem Fußweg zu kauern, dreht jeder Bedürftige seine Runde. Manch einer hält trotzdem den Vazahas fordernd die offene Hand hin: "C'est vendredi. – Es ist Freitag"]
    Alle anderen Geschäfte geben den Ärmsten ihrer Stadt ein paar Geldmünzen.
    [Ja, es gibt tatsächlich Münzen, sogar 1-Ariary-Münzen, das sind umgerechnet 0,04 Eurocent]

So

18

Mär

2012

Tag 74 (Mo., 12.03.2012): Die Odyssee von Ranomafana

17h07: Das Interview mit dem Direktor des Nationalparks Ranomafana, dem wohl bekanntesten Nationalpark Madagaskars, ist zu Ende. Endlich. Nicht, weil es uninteressant gewesen wäre. sondern weil ich dringend zur Nationalstraße muss, um noch ein Buschtaxi nach Fianarantsoa zu erwischen. "Ab 17 Uhr fährt kaum noch eins, wenn überhaupt. Und wenn bis 19 Uhr keines vorbeigekommen ist, war's das", hatte mir eine deutsche Doktorandin im nahe gelegenen Wissenschaftszentrum ValBio am Mittag gesagt.

 

17h22: Ich komme an der Straße an, kaufe noch schnell ein paar Bananen und stelle mich an den Straßenrand.

 

17h50: Bei einem Kiosk auf der anderen Straßenseite "leihe" ich mir einen Hocker und bestelle als Dankeschön eine Cola. "Macht 10.000", sagt die Mademoiselle. "10.000 Franc malgache, nicht wahr?" – "Nein." – "10.000 Ariary?" – "Ja." – En Brousse werden Preise gerne in Franc malgache angegeben, auch wenn es diese Währung nun schon einige Jahre nicht mehr gibt. Man muss also immer durch fünf teilen. Jetzt aber nicht. 3,50 für eine kleine Flasche Cola ist happig, aber dafür habe ich den Hocker. Ich gebe der Dame einen 10.000-Ariary-Schein.

 

17h55: Ein Taxi Brousse kommt. Leider fährt es in die falsche Richtung.

 

18h03: Die Mademoiselle kommt wieder – mit 8000 Ariary.

 

18h35: Es fängt an zu dämmern. Noch immer kein Taxi Brousse nach Fianarantsoa.

 

18h45: Ein angetrunkener Herr spricht mich an. Er sei Guide im Nationalpark, aber unzufrieden: mit der Ausbildung, mit den Kollegen, mit der Bezahlung. Ob er sich dann nicht eine andere Arbeit suchen möchte? Nein.

 

18h55: Mittlerweile ist es stockduster. Die Marktstände sind abgebaut. Kaum noch Leute auf der Straße.

 

19h05: Immer noch kein Taxi Brousse. Jetzt bin ich doch etwas beunruhigt. Also krame ich den Zettel heraus, auf dem mir die Hotel-Rezeptionistin am Morgen die Handynummer eines Taxi-Fahrers aufgeschrieben hat, der mich abholen könne, wenn ich in Ranomafana hängenbleibe. Und das bleibe ich ja gerade.

 

19h08: "Und wer bezahlt mir den Sprit?", fragt der Taxifahrer am Telefon. "Na ich, wenn wir zurück in Fianar sind." – "Ich habe aber keinen Sprit und kein Geld. Außerdem ist es Nacht."

 

19h10: Erneuter Anruf im Hotel: Ob man mir bitte ein anderes Taxi organisieren könne?

 

19h25: Die Rezeptionistin gibt eine neue Nummer durch. Für 100.000 Ariary würde jemand vom Hotel gleich losfahren. An einem beleuchteten Tisch des Kiosks schreibe ich Namen und Telefonnummer auf einen Zettel und lege auf. Ein Mann spricht mich an: "Kommt jemand, um Sie abzuholen?" – "Ja, ich kann ja nicht hier auf der Straße übernachten." – "Das da ist mein Auto. Wir könnten gleich losfahren. Für den gleichen Preis." – Keine Ahnung, ob ich dem Herrn vertrauen kann. Aber anderthalb, zwei Stunden hier im Dunkeln auf das Taxi warten? Das Auto hier ist ein 4x4, sieht gut in Schuss aus. "D'accord. On y va."

 

19h32: Wie üblich steigt noch ein Freund mit ins Auto – für alle zur Sicherheit und für die Rückfahrt zur Unterhaltung des Chauffeurs.

 

19h34: "Woher kommen Sie?", fragt der Beifahrer. "Aus Deutschland." – "Ich habe Germanistik studiert", sagt der Beifahrer. Es stellt sich heraus, dass Fenosoa gerade in einem Projekt des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Tana mitarbeitet und dass seine Abschlussarbeit im Zweitstudium Geographie von der GIZ betreut wurde. Wir unterhalten uns weiter auf Deutsch – über die Flitterwochen des österreichischen Paares, die er und sein Fahrer Nicolas gerade als Touristenführer begleiten, über deutsch-madagassische Zusammenarbeit, über den Einfluss des Klimawandels auf die Biodiversität.

 

21h12: Wir kommen in Tana an. Nicht nur ich wurde gerettet, sondern der ganze Abend.

So

18

Mär

2012

Tag 72 (Sa., 10.03.2012): Wein

Alter Wein in noch älteren Kisten: Der Soavita-Jahrgang 2011 ist leckerer.
Alter Wein in noch älteren Kisten: Der Soavita-Jahrgang 2011 ist leckerer.

"Zu diesem Weingut wollte ich meine Touristen auf keinen Fall bringen. Vor zwei Jahren war ich schon mal bei einer Verkostung hier – der Wein hat nach Essig geschmeckt. Aber das andere Weingut ein paar Kilometer entfernt hat heute geschlossen also mussten wir hierher zu Soavita kommen." Der Touristenführer macht keinen Hehl aus seinem Unmut. Bernard Thierry sitzt auf einem der 23 Fässer riesigen Weinbottiche und nimmt die spitzen Bemerkungen gelassen. Dann steigt er hinab, holt eine Flasche von 2009, entkorkt sie, schenkt ein wenig in kleine Saftgläser ein. Der Guide und seine drei israelischen Touristen nehmen einen kräftigen Schluck, ohne den Wein anzuschauen, ohne am Glas zu schnuppern, ohne den Mund mit der Kostprobe zu "spülen". Sofort schütteln sie sich: Die rote Flüssigkeit schmeckt tatsächlich nach Essig.

 

Kurz darauf kommt Bernard Thierry mit einer kleinen Karaffe wieder. "Das ist der neue Wein. Gerade letzte Woche fertig geworden." Er schenkt aus, in die benutzten Gläser. "Hm, das schmeckt doch nach Wein", sagt der Touristenführer überrascht und lächelt auf einmal. Dann lüftet Bernard Thierry das Geheimnis: Seit Jahren arbeite er für das Weingut nebenan, dort, wo nur aus Frankreich importierte Reben wachsen und wo die Arbeit weitestgehend von Maschinen erledigt wird. Seit ein paar Monaten arbeite er nun auch hier für das Weingut Soavita  – damit hier endlich wieder guter Wein entsteht. Wenn auch weiterhin mit madagassischen Reben und in reiner Handarbeit. 

Do

08

Mär

2012

Tag 69 (Mi., 07.03.2012): Victory – Triumph

Lemuren im Hotel: Welch ein Triumph.
Lemuren im Hotel: Welch ein Triumph.

Das Hotel Victory ist eines der besseren Hotels in Tuléar: schöne Zimmer, Swimmingpool, Souvenirshop. Das Hotel Victory ist gleichzeitig eines der schlechteren Hotels in Madagaskar: Hier werden nämlich Lemuren in Käfigen gehalten, als Attraktion für die Gäste. In freier Laufbahn im Nationalpark und in einem ordentlich geführten Zoo – kein Problem. Aber in einem Hotel? Als Haustier? Als ich den Käfig fotografiere ("Beweisbild" für diesen Blog), kommt eine Hotelangestellte mit Bananen. Die Tiere machen ein Theater, die Hotelangestellte lacht und fragt: "Toll, ne?"

 

Eine halbe Stunde später, beim Interview auf einer Hotelterrasse ein paar Meter vom Käfig entfernt: Ein Lemur springt über den Zaun und hopst zwischen Fahnenstangen hin und her. Wer jetzt wohl über wen triumphiert? Der Interviewpartner sagt nur: "Ach, der büxt schon nicht aus. Es ist immer derselbe. Er geht von ganz allein wieder in den Käfig." Verwirrend, dass der Interviewpartner es ganz normal findet, dass Lemuren in einem Hotel leben: Er ist doch ein Mitarbeiter von Madagascar National Parks.

Do

08

Mär

2012

Tag 65 (Sa., 03.03.2012): Projektmanagement

Hat 2012 viel vor: Jean Martin Foibe (2. v.r.) mit TAMIA-Mitarbeitern.
Hat 2012 viel vor: Jean Martin Foibe (2. v.r.) mit TAMIA-Mitarbeitern.

Samstagmittag in Saint Augustin, gut 35 Kilometer südlich von Tuléar. Die Sonne scheint, Frauen kochen auf der Straße, Kinder spielen mit alten Reifen. Auch Jean Martin Foibe ist schwer beschäftigt. Auf einem Tisch hat er ein Stück Packpapier ausgebreitet, es ist mehrere Quadratmeter groß, darauf eine riesige Tabelle. Jean Martin Foibe beugt sich darüber und trägt etwas ein: Im April soll endlich das neue Informationszentrum ihrer regionalen Organisation zum Mangroven-Schutz (TAMIA) gebaut werden. Dabei ist im März und April schon so viel zu tun, und eigentlich arbeitet Jean Martin Foibe am Lycée. Doch dem TAMIA-Präsidenten ist es wichtig, sich darum zu kümmern, dass die Mangrovenwälder in seiner Region nicht weiter zerstört werden und zurückgehen. "Deswegen tragen wir heute alles zusammen, was die neun TAMIA-Gemeinden für 2012 an Aktivitäten geplant haben. So sehen wir, wenn zu viel gleichzeitig auf dem Programm steht und wir was verschieben sollten." Der Lehrer verpasst kein Treffen seiner Organisation. Er kümmert sich. Vor allem am Wochenende.

Do

08

Mär

2012

Tag 62 (Mi., 29.02.2012): "Wenn ich Präsident wäre…"

Macht sich Gedanken über die Zukunft seines Landes: Daniel.
Macht sich Gedanken über die Zukunft seines Landes: Daniel.

Daniel erzählt leise, fast schüchtern, wie er vor vier Jahren eine Weile in Frankreich Ökonomie studierte und dann ein Angebot seines Professors ausschlug, mit einem Stipendium länger da zu bleiben: "Ich mag das französische System nicht. Für meine Doktorarbeit werde ich nach Deutschland gehen." Danach möchte er zurückkommen, hierher nach Madagaskar, vielleicht sogar in seine Heimat im Südwesten. Dann möchte er einen Wirtschaftsplan für die Dörfer entwickeln.

 

"Ich habe Ambitionen für mein Land", sagt der 25-Jährige auf einmal mit kräftiger Stimme. "Niemand kann ein Land in 24 oder 48 Stunden ändern, aber wenn ich Präsident wäre…" Ja, was dann? "Dann würde ich alle Intellektuellen dieses Landes versammeln, für einen Tag, eine Woche. Man muss Veränderungsmöglichkeiten finden, und zwar in allen Bereichen. Also müssen Landwirte, Soziologen, Ökonomen, Juristen und alle anderen kommen. Sie dürften nicht aufhören, bis eine Lösung für das Land gefunden ist." Doch Daniel ahnt, dass das nicht so einfach ist. "Das Problem ist, dass die Intellektuellen die Politik beiseiteschieben." Aber ist er nicht selbst ein Intellektueller auf dem Weg in die Politik!? "Ich möchte nicht wirklich Präsident werden, aber als Wirtschaftsminister könnte ich bestimmt etwas zum Positiven verändern."

Do

01

Mär

2012

Tag 61 (Di., 28.02.2012): Pflanzensamen

Tiefkühlkammer des Silo National des Graines Forestières für die Millennium Seed Bank.
Tiefkühlkammer des Silo National des Graines Forestières für die Millennium Seed Bank.

Stromausfall. Mal wieder. Die Madagassen nehmen es wie immer gelassen. Was aber, wenn die zwei Tiefkühlkammern der madagassischen Waldsamenbank betroffen sind? Immerhin lagern hier die Samen von Bäumen, Sträuchern, Pflanzen, um deren genetische Vielfalt für die Ewigkeit zu erhalten und Teil der Millennium Seed Bank zu sein. Gibt es denn keinen Generator? "Doch, schon, aber der ist gerade kaputt", sagt eine Mitarbeiterin bei der Führung durch die Anlage und lacht.

 

Vor dem Gebäude des Silo National des Graines Forestières (SNGF) liegen unzählige Tannenzapfen. "Das hier ist der Trockenplatz. Da werden alle Proben getrocknet, damit wir später die Samen leichter heraussuchen können", erläutert die Mitarbeiterin. Doch die Tannenzapfen sind nass: Es regnet seit Tagen, weil im Norden des Landes der nächste Zyklon vorüberzieht, und ein Dach gibt es für den Platz nicht.

 

Die madagassische Flora besteht aus rund 12.000 Arten, ein Viertel davon soll bis 2020 im Silo National des Graines Forestières enthalten sein. 2200 Arten sind mittlerweile geschafft.

Fr

24

Feb

2012

Tag 57 (Fr., 24.02.2012): Gold

Goldrausch am Morgen: André (rechts) mit seinem Kompagnon.
Goldrausch am Morgen: André (rechts) mit seinem Kompagnon.

Ein Goldstück so groß wie eine Linse hat André vor gut einem Monat hier gefunden. Das war sein größter Erfolg in den sieben Jahren, die er nun schon nach Gold sucht, weil die Arbeit als Landwirt nicht mehr genug Geld eingebracht hat. "Heute habe ich aber noch nichts gefunden", erzählt der 42-Jährige, "aber es ist ja auch erst um 9 Uhr; normalerweise arbeite ich von 7 bis 15 Uhr."

 

Er steigt hinab in den Fluss, das Wasser steht bis zum Bauchnabel. Mit einem Spaten sticht er in den Fluss, schippt die Erde in eine runde Holzschale, den sogenannten Sichertrog. Sein Kompagnon schwenkt den Trog, lässt Wasser über den Rand schwappen, schiebt Steine heraus, kippt schließlich Schale um Schale wieder ins Wasser. Der Fluss ist hier rotbraun wie die Erde überall. "Ich weiß, dass das nicht gut für die Natur ist", sagt André und grinst verlegen, "die Erde fließt flussabwärts, wo die Menschen sie dann mittrinken." Wenn es nur das wäre.

 

Dann lacht der Kompagnon. Er hat Gold in seinem Trog leuchten sehen. André nimmt die Schale und schwenkt sie, um die Erde heraus zu schwemmen. Übrig bleibt schwarzes Pulver mit etwas Glitzer. An einer ruhigeren Stelle am Flussrand siebt André weiter. Schließlich zeigt er stolz auf die Mitte des Trogs, dort, wo das Holz etwas tiefer ist. Ein winziger Punkt schimmert: "Gold", sagt André stolz. Wie viel der Fund wiegt, lässt sich nicht sagen, es ist wohl "verschwindend gering". Später, wenn niemand hinschaut, wird André das winzige Korn in eine kleine Glasflasche geben, in der er das goldene Pulver sammelt, um es später an Leute in Andasibe zu verkaufen. Es müsse ja niemand wissen, wie viel man schongefunden hat und wo man seinen Schatz aufbewahrt. Immerhin sind mittlerweile gut ein Dutzend weiterer Goldsucher und Goldsucherinnen zur Stelle, angelockt von der Vazaha mit Kamera und der guten Nachricht über den ersten Fund des Tages. Einige Kollegen steigen nun mit André hinab in den Fluss und suchen weiter.

 

Wie mühsam diese Arbeit ist und wie sehr sie die Natur zerstört! Einheimische dürfen in der Nähe ihres Dorfes sogar ganz legal Gold suchen. Und es bringt nun einmal gutes Geld, verrät André: Ein Gramm Goldpulver sei so groß wie eine rote Bohne und bringe etwa 90.000 Ariary ein, also rund 32 Euro, was ein recht ordentliches Monatsgehalt für den hiesigen Durchschnittsmadagassen ist. André verrät auch noch: "Um ein Gramm Gold zu finden brauche ich etwa vier Tage."

Fr

24

Feb

2012

Tag 56 (Do., 23.02.2012): La vie en brousse

Zunächst ganz lecker, bis ...
Zunächst ganz lecker, bis ...

Acht Wochen bin ich nun auf Madagaskar – und noch nie war ich so nah dran am wirklichen Leben des Madagassen "en brousse", also im Hinterland. Seit dem Zyklon Giovanna gibt es in Andasibe/Périnet keinen Strom, das Handy lädt man in einem kleinen Shop auf, wenn dort abends der Generator angeworfen wird. Das Haus, in dem ich übernachte, ist zwar luxuriös aus Stein und mit fließendem Wasser, aber ich werde gleich von zwei Kakerlaken begrüßt. Das Mittagessen am nächsten Tag besteht aus Reis mit großen weißen Bohnen und einer Fleischbeilage in Form eines nicht näher zu identifizierenden Insekts. Später gibt es frittierte Bananen von einem Stand im Dorf. Um 19 Uhr, als die Sonne untergegangen ist, hört man überall Menschen singen, vor allem von der Kirche am Bahnhof. Kurz darauf sind die Straßen nicht nur stockfinster, sondern auch still und menschenleer.

Fr

24

Feb

2012

Tag 53 (Mo., 21.02.2012): Zerstört

Was nach dem Zyklon übrig blieb.
Was nach dem Zyklon übrig blieb.

Nach ein paar Tagen in Tana mit ein paar Interviews und Waschmaschine, geht es noch mal in den Osten: nach Tamatave, wo ich mit einem deutschen Umwelttoxikologen und 16 seiner Studierenden die neue Nickel-Cobalt-Fabrik besuche. Auf dem Weg, der Route Nationale 2, zeigt sich, wie schlimm Giovanna übers Festland gefegt ist, während ich auf Sainte Marie ja verschont wurde: Einige der madagassischen Hütten sind schief, weitere umgekippt wie Dominosteine. Mal fehlt ein Dach, mal die Wandkonstruktion. Immer wieder abgeknickte Bäume an verwüsteten Hängen und Einheimische, die aufräumen. In Andasibe, kurz hinter Moramanga, stand das Wasser hüfthoch im Wald, noch immer sind die Blätter schlammbedeckt. Fast 200.000 Madagassen sollen laut verschiedenen Zeitungen obdachlos geworden sein, rund zwei Dutzend Menschen sind sogar gestorben.

Mi

15

Feb

2012

Tag 46 (Mo., 13.02.2012): Zyklon

Giovanna am Dienstag, 10h15 Ortszeit © NASA Goddard MODIS Rapid Response Team
Giovanna am Dienstag, 10h15 Ortszeit © NASA Goddard MODIS Rapid Response Team

Giovanna hat ganz schön Wind gemacht: Der Zyklon pfiff Sonntagnacht durch meinen Bungalow direkt am Strand und brachte am Montag ordentlich Regen.

 

Die Sainte Mariens, die Bewohner der Insel, hatten schon am Wochenende vorgesorgt: Der Hotelbesitzer ließ den gesamten Steg zur vorgelagerten Badeinsel zerlegen und abtransportieren; die einzelnen Steg-Platten wurden dann als Wall vor die Bungalows und die Restaurant-Terrasse gestellt. In der Stadt nagelten Einheimische Bretter vor Türen; alle Schulen und fast alle Restaurants blieben am Montag und Dienstag geschlossen.

 

Dennoch war Giovanna im doppelten Sinne einfach nur viel heiße Luft: Die Wellen schwappten nur eine Stunde lang und auch nicht besonders hoch über die Straße Richtung Stadt. Am schlimmsten betroffen war wohl Tamatave, eine größere Stadt an der Küste der Hauptinsel: Mit 194 km/h ist der Zyklon hier übers Land hinweggefegt, hat zahlreiche madagassische Hütten umgeweht, weil diese nur aus Holzlatten, Bambushölzern und einem Palmendach bestehen. Auf Sainte Marie lag am nächsten Tag nur etwas mehr Grünzeug auf den Straßen als sonst, dafür gab es fast zwei Tage weder Handynetz noch Internetzugang. Und im Hotel sind nur ein paar Glühlampen kaputt gegangen, weil die Lampenschirme vor den Bungalows zu sehr umher geschleudert wurden.

Mi

15

Feb

2012

Tag 45 (So., 12.02.2012): Paradies

Die Sonne glitzert auf dem Meer, Palmenblätter wiegen sich im leichten Wind: Welch' eine kitschige Postkartenidylle! Doch so paradiesisch ist Sainte Marie nun einmal, diese kleine Insel vor der Ostküste Madagaskars. Der perfekte Ort für eine Foto-Fahrradtour also. Hier ein kleines "Best of" nach 30 Kilometern Strampeln in der Sonntagnachmittag-Sonne.

Mi

01

Feb

2012

Tag 32 (Mo., 30.01.2012): Lepra

Josianne: Das Lepradorf ist seit Jahren ihr Zuhause.
Josianne: Das Lepradorf ist seit Jahren ihr Zuhause.

Josianne hockt in der gleißenden Sonne auf dem kleinen Feld und rupft Unkraut. Die Finger sind verkümmert, ihre Füße nur noch Stummel. An einem Stock hievt sie sich hoch, um ein paar Meter zu laufen. "Ich hatte Lepra, bin aber erst sehr spät in ein Krankenhaus gegangen. Nachdem ich zwei Jahr behandelt wurde, war ich wieder gesund, aber meine Eltern hatten Angst, sich trotzdem anzustecken, und deswegen verweigert, mich wieder aufzunehmen." Nach Hause konnte Josianne also nicht mehr – aber ins Lepradorf Belfort am Stadtrand von Antalaha. Hier hat sie zwei Mädchen auf die Welt gebracht. Hier kümmert sie sich jeden Tag um ein kleines Feld mit Reis, Mais, Bananen und ein paar Gala-Bäumen für Brennholz. Hier hat sie Freunde.

 

Lepra wird durch das Bakterium Mycobakterium leprae ausgelöst; Nerven sterben ab, das Gesicht wird wulstig, Knochen und Muskeln zerfallen. Über Lepra spricht man nicht gerne, die Krankheit bereitet Gesunden Angst. Dabei ist Lepra nicht so ansteckend, wie viele denken. Zumal die akute Infektion mit modernen Medikamenten gut heilbar ist. Schwierig sind die Folgen, vor allem die Verstümmelung von Händen und Füßen und psychische Probleme, weil die Kranken ausgegrenzt werden und nicht mehr arbeiten können. Die Weltgesundheitsorganisation möchte Lepra am liebsten ausrotten wie die Polio – allein in der Region um Antalaha werden pro Jahr rund 60 neue Fälle diagnostiziert, auch wenn Öffentlichkeit und Regierung lieber wegschauen.

 

In dem Lepradorf Belfort und seinem Nachbardorf ein paar Kilometer weiter südlich leben rund 30 Familien: Ansteckend ist hier keiner mehr, die Kinder sind eh gesund geboren, doch sie sind auf Hilfe angewiesen. Deswegen hat Marie-Hélène Kam Hyo Zschocke, Madagassin mit chinesischen Vorfahren und deutschem Ehemann, 1998 CALA gegründet, das Comité d'Aide aux Lepreux d'Antalaha. Etwa 15.000 Euro sind pro Jahr nötig, um das Dorf zu finanzieren. Das Geld kommt von Spendern und aus den Erträgen einer kleinen Schmuck- und Handwerksboutique im Zentrum von Antalaha. Mittlerweile wurden neue Holzhütten und saubere Toilettenhäuschen gebaut – und eine Schule gegründet. "Die Kinder brauchen Bildung, um aus dem Dorf herauszukommen und um sich ein Leben aufzubauen", sagt Marie-Hélène. Sieben Klassen gibt es nun, von Dreijährigen in der Vorschulklasse bis zu den Jugendlichen, die nächstes Jahr aufs Gymnasium gehen könnten. "Letztes Jahr haben alle Schüler der Abschlussklasse die Prüfung fürs Lycée bestanden", sagt Marie-Hélène voller Stolz. "So können sich die Kinder der Lepra-Kranken in der Gesellschaft integrieren. "Mittlerweile kommen aber auch Kinder aus der Stadt in unsere Schule im Lepradorf. Das ist echte Integration."

 

Auch Josianne merkt, dass sie – wenn sie in die Stadt geht – nicht mehr so häufig beschimpft wird. "Als ich Weihnachten etwas zum Anziehen und Geschenke für meine Kinder kaufen wollte, hat mich erst ein Ladenbesitzer abgewiesen. In einem anderen Geschäft hat man mir einen Platz zum Hinsetzen und Ausruhen angeboten und mir dann sogar alles geschenkt. Für die Kinder hat mir der Besitzer noch Kekse mitgegeben und sogar Geld, damit ich nach Hause fahren kann."

Mi

01

Feb

2012

Tag 31 (So., 29.01.2012): Bäume pflanzen

Wächst und gedeiht, wenn auch langsam: Patricias Rosenholz-Baum in "Macolline".
Wächst und gedeiht, wenn auch langsam: Patricias Rosenholz-Baum in "Macolline".

"Ich muss nach meinen vier Bäumen schauen", sagt Patricia, als wir nach zwei Stunden Wanderung bergauf erschöpft auf dem Gipfel von "Macolline" ankommen, einem zehn Hektar großen Ökotourismus-Gelände mit noch unberührtem madagassischen Wald. Während der Guide, zwei Französinnen und ich uns über das leckere Gipfelbüffet aus Ananas, Papaya und Jacques-Frucht hermachen, flitzt die Mittvierzigerin davon. Vier Rosenholz-Bäume hat sie vor knapp einem halben Jahr gepflanzt, damals, als sie das erste Mal hierher gewandert ist: einen für sich selbst und jeweils einen für ihre drei Söhne. "Bevor ich nach Madagaskar gekommen bin, um hier für ein Jahr Direktorin der Ecole française in Antalaha zu werden, habe ich jedem meiner Jungen eine Haarlocke abgeschnitten. Die sind nun unter den drei Bäumen. Auch wenn es sich lächerlich anhört: Für mich ist das eine Art Recycling, denn so wird aus Altem Neues." Schnell hat Patricia die Bäume wiedergefunden: dank eines kleinen Metallschilds, auf dem ihr Name und das Datum 08/2011 eingraviert sind. "Viel gewachsen sind sie aber noch nicht." Rosenholz wächst eben langsam. Trotzdem wird nach wie vor auf Madagaskar Rosenholz geschlagen, legal wie illegal.

Mi

01

Feb

2012

Tag 30 (Sa., 28.01.2012): Antalaha

Bar am Strand: Sieht grau und kalt aus, ist aber warm und feucht wie in einer Sauna.
Bar am Strand: Sieht grau und kalt aus, ist aber warm und feucht wie in einer Sauna.

Der Nordosten Madagaskars ist grün: hellgrün, dunkelgrün, sattgrün, blassgrün, eben Grüntöne in allen Schattierungen.

Der Nordosten Madagaskars ist eine Sauna: heiß, feucht, die Haut klebt, ständig triefen Schweißperlen.

Der Weg vom Flughafen in die Stadt: Ein Franzose in Rente, der im Flugzeug neben mir saß und Ende März eine junge Madagassin mit tief ausgeschnittenem Dekolleté heiraten wird, hat mir einen Platz in seinem Taxi angeboten. Am liebsten würde ich alle 200 Meter anhalten, um zu fotografieren: die Männer mit ihren Macheten und den Kokosnüssen, die Hütten aus Holz mit gerade einmal gut zehn Quadratmetern Grundfläche, die Stände mit gelben, orangefarbenen, roten Mangos… Aber wir müssen weiter. Es ist eh viel zu heiß, um sich zu bewegen – lieber ein wenig den Fahrtwind genießen.

Mi

01

Feb

2012

Tag 30 (Sa., 28.01.2012): Fliegen

Wer innerhalb Madagaskars von A nach B fliegen möchte, hat keine Wahl: Es gibt nur eine Fluggesellschaft, nämlich Air Madagascar. Der vorauseilende Ruf: Die Flüge sind gerne zu spät oder fallen ganz aus. Trotzdem bin ich heute Morgen überpünktlich zum Flughafen von Tana gefahren: 9h35 sollte das Flugzeug nach Antalaha im Nordosten Madagaskars starten.

 

Tatsächlich ist am Check-In erst mal mora-mora angesagt: Eine Frau im afrikanisch-grün-gemusterten Kleid möchte einen riesengroßen Spiegel und einen Stoffbeutel mit diversen Wasserflaschen aufgeben, aber irgendwie geht das nicht. Ein Mitarbeiter nach dem anderen wird kontaktiert. Irgendwann geht es dann doch, und nun kann auch ich einchecken. "Sie haben zweieinhalb Kilo Übergepäck, das müssen Sie erst bezahlen", sagte die Dame. "Okay, was kostet das?" – "Ein Euro pro Kilo." – "Ich habe keine Euro hier, aber ich kann Ihnen 6000 Ariary geben." – "Nein, nicht mir. Da drüben an der Kasse." Ich bekomme einen Aufkleber auf mein Flugticket, mit dem Hinweis "+2K". An der Kasse zückt eine Mitarbeiterin einen Taschenrechner und tippt ein: 2 x 3000 Ariary = …

 

Mit der Quittung (einem von vier Durchschlägen) gehe ich zum Check-In zurück und bekomme nun den Bordingpass. Der Sicherheitscheck ist ein Klacks: Meine halbvolle Wasserflasche wird ignoriert, während der Reisenden nach mir eine Nagelschere aus dem Handgepäck gezogen wird.

 

Schließlich geht es los: Um 9h33 heben wir ab.

Mi

01

Feb

2012

Tag 29 (Fr., 27.01.2012): Stoff

Der noch nicht ganz vollständige Stapel mit den ausgewählten Stoffen an der Kasse vom "Stoffparadies" in Tana.
Der noch nicht ganz vollständige Stapel mit den ausgewählten Stoffen an der Kasse vom "Stoffparadies" in Tana.

Dieser Laden hält sein Versprechen, auch wenn der Eingang nicht den Eindruck erweckt: "Eden, das Stoffparadies" steht auf dem Schild über der Tür, vor dem bunte Badematten mit Zotteln ausliegen. Drei deutsche junge Frauen betreten den Laden – und sammeln in einer Stunde Quadratmeter um Quadratmeter Stoff, auf dass später eine Schneiderin Blazer, Blusen, Hosen, Kleider und Röcke daraus näht. Eine Verkäuferin behält den Überblick, flitzt durch den Laden, holt einen Stoff nach dem anderen, stapelt zwischendurch Stoffrolle um Stoffrolle an der Kasse. Die drei jungen Vazaha amüsieren sich prächtig. Die Kassierer auch. Nach einigem Verhandeln gibt es sogar doch noch die erhofften zehn Prozent Rabatt. Trotzdem lassen die Damen rund 330.000 Ariary im Laden, umgerechnet etwa 115 Euro. Schade, dass die Schneiderin abgesagt hat und die Stoffe nun erst einmal ordentlich gefaltet in einer Tüte liegen.

Fr

27

Jan

2012

Tag 26 (24.01.12): Überleben

Eine zentrale Frage meiner Recherchereise ist: Wie können auch die besonders Armen unter den Madagassen helfen, die reiche Biodiversität zu schützen? Wie soll das gehen, wenn sie morgen nichts zu essen mehr haben? – "Nicht morgen, sondern schon heute", ruft Josette Rahantamalala von Conservation International in Madagaskar. Die Non-Profit-Organisation kümmert sich an den Biodiversitäts-Hotspots dieser Erde um den Erhalt der Artenvielfalt und finanziert allein auf Madagaskar Dutzende Projekte von Einheimischen und Ausländern. Trotzdem erreichen die Mitarbeiter und das Geld von Conservation International nicht jeden. Josette sagt aufgebracht und zugleich mit etwas Resignation in der Stimme: "Für die Gemeinden, die in der Nähe eines Waldes leben, ist klar: Der Wald ist ihr Supermarkt! Bäume für Feuerholz. Blätter, Früchte, Wurzeln zum Essen, sogar Lemuren. Und Medizinalpflanzen gegen Krankheiten. Wo sollen sie sonst auch hingehen zum Einkaufen? Sie können nur nach nebenan, in den Wald. Nur so können sie überleben." Was zählt schon ein Baum oder Lemur im Vergleich zu einem Menschenleben?

Mi

25

Jan

2012

Tag 25: zu viele Informationen

Der wohl härteste Tag bisher: Von 8 bis 21 Uhr im Modus "Informationen sammeln"!

 

Beim Frühstück im Hotel Deutsche getroffen, die noch ein paar Tipps zu meiner Reise und den Recherchethemen haben. Dann ein Interview mit einem deutschen Biologen, der als Honorarprofessor an der Universität von Tana Umwelttoxikologie lehrt. Anschließend Interview mit dem Biodiversitätsspezialisten des Département de Biologique Animale sowie der Leiterin dieses Départements. Danach weiter zum Mikrobiologischen Labor der Medizin-Fakultät, das seit ein paar Monaten in Zusammenarbeit mit dem deutschen Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin eine Studie zu Typhus durchführt (und die wohl einzige saubere Toilette auf dem ganzen Campus hat, inklusive Seife und Handtuch). Dann zurück ins Hotel, um noch mehr Informationen von den Deutschen einzusammeln, weil am Morgen keine Zeit mehr war und am nächsten Tag alle aufbrechen. Kurz nach 21 Uhr muss ich sagen: Stopp, es geht nichts mehr rein in meinen Kopf!

3 Kommentare

Mi

25

Jan

2012

Tag 24: Fiangonana – Kirche

Las Vegas in Tana: Cathédrale Catholique.
Las Vegas in Tana: Cathédrale Catholique.

Gläubig bin ich nicht, aber daran interessiert, warum Menschen an einen oder mehrere Götter glauben und wie sie diesen Glauben leben. Also ging es letzten Sonntagmorgen in die Kirche.

 

Um kurz vor 9 Uhr komme ich an Cathédrale Catholique an – es strömen gerade Dutzende herausgeputzte Menschen aus dem imposanten Gebäude: Während man unter der Woche ständig und überall dreckige Hosen und abgelatschte Schuhe sieht, staunt man am Sonntagmorgen über den edlen Zwirn, die bunten, paillettenbesetzten oder mit Rüschen aufgeplusterten Kleider, die geputzten Schuhe, den vielen Schmuck. Sonntagsstaat eben! Ein Wort und eine Tradition, das bzw. die in Deutschland wohl ausstirbt, hier aber nach wie vor zum Leben dazu gehört.

 

Um 10 Uhr geht es los – zum Glück auf Französisch: Es wird die Gemeinschaft beschworen; auch wenn das hier eine katholische Kathedrale sei, so sei jeder willkommen, "Christen jeder Herkunft, katholisch, evangelisch, apostolisch". Von Atheisten ist nicht die Rede. Auch von Politik nicht, dabei war tags zuvor die – verhinderte – Rückkehr vom weggeputschten Präsidenten Ravalomanana das Thema Nummer 1 in Tana. Dafür singt der Chor die Hymne der Europäischen Union und den Gefangenenchor aus Verdis Oper Nabucco. Ob dahinter eine politische Botschaft stecken sollte?

 

Nach anderthalb Stunden, kurz vor Ende des Gottesdienstes, erhebt sich aus dem Schatten einer Säule am Rande des Kirchenschiffes eine Frau: Die Kapuze ihrer Jacke hat sie tief ins Gesicht gezogen, ihr Rücken ist gebeugt, die Schultern eingezogen. Ihr Rock ist grau, fleckig, zerlöchert. Niemand schaut ihr nach.

So

22

Jan

2012

Tag 23: Piraty – Piraten

Es gab natürlich auch afrikanische Piraten; das Piratenmuseum in Tana hat aber nur diesen einen an Bord.
Es gab natürlich auch afrikanische Piraten; das Piratenmuseum in Tana hat aber nur diesen einen an Bord.

Wir lagen vor Madagaskar

Und hatten die Pest an Bord.

In den Kesseln, da faulte das Wasser.

Und täglich ging einer über Bord.

 

Dieses Lied gehört zu den ersten Dingen gehören, die einem zu Madagaskar einfallen: "Das haben doch die Piraten gesungen ..." Dabei hat das Lied gar nichts mit Piraten zu tun, erzählt Nirina vom Piratenmuseum in Tana in fließendem Deutsch: "Während des Kriegs zwischen Russland und Japan Anfang des 20. Jahrhunderts war ein russisches Schiff vor der Insel Nosy Be im Nordwesten Madagaskars liegengeblieben. Deutsche haben die überlebenden Russen gerettet."

 

Nach einer zweistündigen Führung wird auch klar: Piraten waren nicht nur abenteuerlustige, geldgierige Bösewichte, sondern durchaus ein demokratisches Völkchen. Der Kapitän wurde gewählt und durfte nur dann eine Sonderstellung einnehmen, wenn gerade ein Schiff gekapert oder an Land ein Dorf geplündert wurde. Es gab eine Art Berufsunfall-Versicherung, so dass ein Pirat mit Geld für ein verlorenes Auge entschädigt wurde und wenn im Kampf eine Hand abhandenkam. Außerdem wurden die Invaliden-Piraten nicht verscheucht, sondern sie waren weiterhin ein Teil der Gemeinschaft, und sei es nun als Koch. Emanzipiert waren die Piraten hingegen nicht: Piratinnen mussten sich verkleiden, um ja nicht aufzufallen, denn darauf stand die Todesstrafe. Anne Bony hingegen, eine 1697 geborene Irin, flog schnell auf – sie war die Freundin des Kapitäns.

Do

19

Jan

2012

Tag 21: Premiere

"Texte et Photos : Franziska Badenschier".
"Texte et Photos : Franziska Badenschier".

Die Premiere des Tages: In der madagassischen Tageszeitung "L'Express de Madagascar" ist ein Artikel von mir erschienen, und zwar über den Telemedizin-Termin letzte Woche! Auf der jeden Donnerstag erscheinenden Doppelseite über die Techniques de l'information et de la communication (TIC) habe ich nun eine Seite mit Text und Bildern gefüllt. Sogar meine Überschrift wurde genommen. Dennoch: Ein Faux Pas ist natürlich drin - wer findet ihn? (Rechtschreib- und Grammatikfehler zählen nicht).

 

Wer des Französischen mächtig ist, kann den Artikel hier online lesen.

Mi

18

Jan

2012

Tag 15: hazo – Baum

Einer von den rund 160 Sohisika-Bäumen, die es auf Madagaskar und nirgends sonst gibt.
Einer von den rund 160 Sohisika-Bäumen, die es auf Madagaskar und nirgends sonst gibt.

"Es ist verrückt, ich weiß: Wir schützen eine einzige Baumart irgendwo da oben im Hochland-Plateau! Eine Baumart, von der man bislang keinen medizinischen Nutzen kennt und die nicht mal besonders attraktiv ist." Chris Birkinshaw lacht. Doch dem Briten, der seit gut 15 Jahren für den US-amerikanischen Missouri Botanical Garden auf Madagaskar arbeitet, ist es ernst: "Hochland-Wälder sind eine der am stärksten gefährdeten Vegetationstypen auf Madagaskar."

 

Der wissenschaftliche Name dieser Art gleicht einem Zungenbrecher: Schizolaena tampoketsana. Der madagassische Name ist kürzer und einfacher: Sohisika, sprich: Swisska. "Auf ganz Madagaskar gibt es nur 160 Bäume von dieser Art, und hier stehen zwei Drittel davon", erzählt Chris am vergangenen Freitag während der Fahrt ins Hochplateau etwa 70 Kilometer nördlich von Tana. Während man in der Schule lernt, dass über einer bestimmten Höhe, die praktischerweise als Baum-Grenze bezeichnet wird, eben keine Bäume mehr wachsen, sieht man ganz oben auf dem Plateau auf einmal Eukalyptus-Bäume.

 

An einer Stelle biegt sich das Plateau in eine Kurve, in der Rinne talwärts taucht ein dichter, grüner Wald auf: "Wir sind da!", ruft Chris und springt aus dem Auto. Ankafobe (sprich: Ank-afo-bee) ist ein winziges Schutzgebiet, gerade einmal 30 Hektar groß. "Aber in diesem kleinen Wald schützen wir auch andere Pflanzen und sogar Tiere." Außerdem wird ein Einheimischer aus dem Nachbardorf das ganze Jahr über beschäftigt: Solofo kümmert sich darum, dass Nachbarn täglich patrouillieren, dass Jahr für Jahr der Feuerschutz-Streifen erneuert wird, dass jemand hilft, die 6000 neuen Setzlinge einzupflanzen. Weiteres Geld ist in den Bau zweier Brunnen und eines neuen Schulgebäudes geflossen – diese werden nach einem Picknick besucht und begutachtet.

 

Das alles klingt nach einem teuren Projekt, doch diese eine Baumart zu konservieren und noch mehr Gutes zu tun, koste nur 5000 Dollar pro Jahr, sagt Chris. "Für den einen ist das das Geld für einen luxuriösen Urlaub. Für mich ist es Teil meiner Philosophie: Jede Art hat seinen Wert und ist es wert, erhalten zu werden."

 

Jetzt hofft Chris, dass der Feuerschutz-Streifen hält und kein Brand das Wäldchen zerstört. Schmunzelnd gesteht er: "Dabei bedeutet der madagassische Name Ankafobe 'viel Feuer'."

Impressionen von der Exkursion nach Ankafobe mit Mitarbeitern des Missouri Botanical Garden:

Auch Ameisen haben Hunger. Lecker, wenn da beim Picknick der Wissenschaftler ein Stück Pommes zu Boden fällt...

Mo

16

Jan

2012

Tag 14: mianatra – lernen

Medizin-Weiterbildung auf Madagassisch geht so: Man trommelt interessierte Doktoren zusammen, setzt sie in einen Raum, schaltet einen Laptop und einen Beamer an, loggt sich in einen geschützten Raum im World Wide Web ein – und lauscht dann dem Vortrag eines Arztes, der ganz woanders auf der Welt ist und parallel ein paar Folien zeigt. Anschließend stellt man Fragen per Chat und bekommt dann sofort eine Antwort, mündlich oder als Chat-Nachricht.


Das Ganze nennt sich RAFT, Réseau en Afrique Francophone pour la Télémédecine. Das heutige Thema war "Diabetes und Koma – Ein Fall für die Klinik". Rund 30 Ärzte hatten sich am vergangenen Donnerstag in einem der zwei Diabetes-Zentren Tanas versammelt, um den Vortrag eines Arztes aus dem Kongo zuzuhören.


Tropenkrankheiten mögen hier wichtiger erscheinen, aber auch Diabetes kann lebensgefährlich sein. "In ganz Madagaskar gibt es nur fünf, sechs, sieben Diabetologen, da ist echt gut und wichtig, wenn über RAFT auch andere Ärzte mehr über Diabetes lernen", erklärt der Klinik-Chef. Moderne Telekommunikationsmittel seien oft die einzige Chance, sich weiterzubilden oder über einzelne Sonderfälle zu sprechen. "Unsere jüngste Patientin ist gerade mal ein Jahr alt. Mittlerweile ist sie wieder zu Hause bei ihren Eltern. Via Skype können wir sie täglich nach den Blutzucker-Werten und anderen Dingen fragen. Umgekehrt können wir dann den Eltern sagen, wann sie wie viel Insulin spritzen sollen." Die Familie müsse somit nicht ständig in die Stadt kommen und spart dadurch Zeit und Geld.

 

Allerdings: Internet hat auch nicht jeder. Und: Nach der Weiterbildungsstunde wurde Schokolade ausgeteilt. Natürlich war sie nicht für Diabetiker geeignet.

Sa

14

Jan

2012

Tag 16: miala sasatra – sich ausruhen

Erholsamer Nachmittag im Garten.
Erholsamer Nachmittag im Garten.

Was tut man, wenn man überdurchschnittlich lange geschlafen hat, deswegen um acht Uhr morgens ausgeruht aus dem Bett springt, die Sonne scheint, die beiden Deutschen, mit denen man um zehn Uhr zu einem Tagesausflug aufbrechen wollte, spontan absagen und dann das Internet im Hotel den dritten Tag in Folge nicht funktioniert, so dass man weder den Blog füllen, noch Weltnachrichten lesen kann?

 

Falsch: Reiseführer durchblättern, Alternativen suchen, alle W-LAN-Passwörter durchprobieren.

 

Richtig: Es als Zeichen sehen, nach zwei Wochen und unzähligen Eindrücken mal auf Pause drücken zu sollen bzw. zu können.

 

Also: Erst mal das madagassische Frühstücksbuffet mit Baguette und Bananenkuchen im Garten des Hotels genießen. Dann im Supermarkt die Grundnahrungsmittel kaufen (Äpfel, Kekse, Schokolade, Wasser). Dann wieder in den Garten des Hotels gehen, sich mit einem Buch unter einen Sonnenschirm setzen und stundenlang lesen und einen Gecko beim Herumspazieren beobachten. Am späten Nachmittag zum Kaffeetrinken verabreden, danach noch in einem leckeren Restaurant versacken und schließlich früh zu Bett gehen.

 

Was während der Internet-Funkstille geschah, trage ich später nach. Jetzt erst einmal: Bonne nuit!

Di

10

Jan

2012

Tag 12: afo – Feuer

Hier haben gestern rund 100 Menschen gewohnt - das Feuer hat nichts übrig gelassen.
Hier haben gestern rund 100 Menschen gewohnt - das Feuer hat nichts übrig gelassen.

In einem Slum Tanas: Am Kanal waschen Frauen mit dreckigem Wasser die Wäsche. Männer löten und schrauben an Autos. Kinder toben herum. Eine Frau mit einem sauberen rosa Pullover führt durch das Elend hindurch, immer weiter am Kanal entlang, weg von der Straße. Irgendwann biegt sie rechts in einen nicht einmal halben Meter breiten Schlitz zwischen zwei Buden und läuft weiter, noch tiefer hinein. Links und rechts schaut man in Wellblechhütten und notdürftig gemauerte Baracken: vollgestopft, dunkel und dreckig, aber hier und da ein Blumentopf. Nach etwa hundert Metern endet der schmale Gang abrupt an einer Häuserfassade. Links geht es weiter und nach drei Schritten ist auf einmal – nichts.

 

Ein Hof, denke ich. Doch schon in der nächsten Sekunde wird klar: Hier hat es gebrannt. Hier standen Holzhütten. Gestern noch. Nun liegen überall verkohlte Holzreste, angekokelte Kleiderfetzen, verbogene Metallstücke. Etwa 100 Leute hätten auf diesen gut 150 oder 200 Quadratmetern gelebt, 13 Familien, doch niemand sei verletzt worden, erzählt eine Frau mit einem Baby auf dem Arm. Das Feuer sei gestern Abend gegen halb neun ausgebrochen. Es war wohl ein Unfall. Die Feuerwehr sei auch gekommen, habe aber nicht bis hierher vordringen können. Gegen Mitternacht sei dann alles abgebrannt gewesen.

 

Diese Menschen hatten gestern nichts – und heute noch weniger. Niemand weint, niemand schreit. Alle sind ruhig, während es an manchen Stellen noch raucht. Jemand sagt: "Sie stehen unter Schock."

Mo

09

Jan

2012

Tag 11: sary – Foto

Gerps-Mausmaki in der madagassischen Presse.
Gerps-Mausmaki in der madagassischen Presse.

Zwölf Zeitungen habe ich heute durchgeblättert, um zu schauen, was aus der Pressekonferenz von vorgestern geworden ist. Siehe da: Fünf Tageszeitungen hatten die Nachricht drin – L'Express de Madagascar, La Gazette, Les Nouvelles, La Verité und matin. Die eigentliche Überraschung ist aber: Überall war ein Foto von der Mausmaki-Art dabei! Dabei wurde bei der Pressekonferenz ja kein Bild verteilt - siehe früheren Blogeintrag. Zwei der fünf Blätter hatten dann noch ein Bild von der Pressekonferenz dabei – zusätzlich statt wie erwartet als einziges Foto.

Mo

09

Jan

2012

Tag 11: lehilahytsara – Goodman

Steve Goodman ist eine Koryphäe auf Madagaskar: Vor mehr als 20 Jahren kam der US-Amerikaner nach Madagaskar und ist seitdem hyperaktiv in Sachen madagassischer Biodiversität. Jedes Jahr arbeitet er bis zu fünf Monate "im Feld", schreibt ein bis zwei Dutzend Paper, gibt Biologie-Kurse an der Universität von Tana und betreut Biologie-Doktoranden aus Madagaskar, Mauritius und La Réunion. "Heute bin ich kurz nach ein Uhr morgens ins Büro gekommen; eigentlich ist für mich jetzt lunch time", sagt Goodman leise, fast scheu, als ich um Punkt 9 Uhr in seinem Büro erscheine.

 

Statt Mittagessen gibt es ein einstündiges Interview mit vielen spannenden Häppchen: Er erzählt, wie er mit einem Kollegen das modernste und umfangreiche Lehrbuch über die Naturgeschichte Madagaskars editiert hat (vier Kilogramm, Dutzende Autoren, 1728 Seiten, unzählige E-Mails). Er erzählt von einem Dorfbewohner, der den Klimawandel bereit spürt, weil es während seiner Kindheit regelmäßig geregnet hatte und nun ständig trockenere, wärmere Jahre gebe und so die Ernte ruiniert werde. Er erzählt, dass er mit Hilfe verschiedener Förderprogramme mittlerweile mehr als 120 Biologie-Studierende in intensiven zweiwöchigen Kursen im Feld ausgebildet hat ("Der Universität fehlt das Geld dazu, sie hat ja momentan nicht mal genügend Geld für Papier, um die Prüfungsunterlagen zu drucken."). Er erzählt, wie die politische Krise in den vergangenen zweieinhalb Jahren wichtige Umweltschutzprojekte unterbrochen hat, dass das Umweltministerium aber auch eigene Projekte vorantreibt. Er erzählt, wie Kollegen von der Association Vahatra in die Dörfer fahren, um den Einheimischen auf einer über den Transporter gespannten Leinwand Filme über die madagassische Biodiversität zu zeigen.

 

Schließlich erzählt er noch, wie er von zwei Primatenforschern geehrt wurde: "Peter Kappeler vom Deutschen Primatenzentrum hat 2005 mit einem Kollegen einen kleinen Mausmaki entdeckt; diese Art ist eine der kleinsten Lemuren-Spezies. Irgendwie haben sie, als sie der neuen Art einen Namen gaben, an mich gedacht. Sie hätten die Art natürlich einfach Microcebus goodmani nennen können, aber sie haben sie dann Microcebus lehilahytsara genannt. Lehilahy ist das madagassische Wort für Mann, tsara steht für gut – das ist natürlich sehr charmant."

Sa

07

Jan

2012

Tag 9: olona gidro - Lemuren

Einer von 48 Lemuren im Lemurenpark bei Tana.
Einer von 48 Lemuren im Lemurenpark bei Tana.

Heute war der Tag der Lemuren, den berühmtesten Tieren Madagaskars: Vormittags war ich auf einer Pressekonferenz, auf der eine neu entdeckte Lemurenart vorgestellt wurde; nachmittags ging es dann in den Lemurenpark etwas außerhalb von Tana. Doch der Reihe nach…

 

Lemuren sind Halbaffen (biologisch korrekt ausgedrückt "Feuchtnasenaffen") und kommen nur hier auf Madagaskar vor. Rund 100 Arten sind mittlerweile bekannt. Das Handbuch "Lémuriens de Madagascar" beschreibt in seiner ersten Ausgabe von 1994 genau 50 Lemuren-Arten, in der zweiten Ausgabe von 2006 sind es 71 und in der dritten Auflage von 2010 sind es exakt 101 Arten. Jetzt kommt noch eine dazu: Microcebus gerpi, auf Deutsch Gerps Mausmaki – benannt nach der madagassischen Organisation GERP (Groupe d'Etude et de Recherche sur les Primates de Madagascar). "Als wir im Sahafina-Wald die Tiere gesehen haben, dachten wir erst, es wären Lemuren der Art Microcebus lehilahytsara, die aus einem benachbarten Naturschutzgebiet bekannt sind: Sie hatten weiß-braunes Fell und wogen etwa 60 Gramm", erzählt Jonah H. Rasimbazafy auf der Pressekonferenz. Aber genetische Untersuchungen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover hätten schließlich gezeigt, dass es sich um eine bislang unbekannte Art handelt, also eine Schwesternart von M. lehilahytsara.

 

Zugleich ließ sich während der Pressekonferenz beobachten, wie Wissenschaftsjournalismus in Madagaskar funktioniert: Es wurde eine Pressemappe an die Journalisten verteilt, in der die wissenschaftliche Publikation zu dieser neuen Lemuren-Art lag sowie eine französische Zusammenfassung. Das Paper hat niemand von den rund einem Dutzend Journalisten gelesen (zumindest vor Ort); deswegen hat wohl auch keiner gemerkt, dass das Paper bereits am 24. Dezember erschienen ist, die Nachricht also zwei Wochen alt ist. "Mora mora" eben – immer mit der Ruhe. Deswegen und weil in der französischen Zusammenfassung das Paper nicht erwähnt wurde, nehme ich an, dass in keinem der folgenden Zeitungsartikel auf die wissenschaftliche Publikation hingewiesen wird. Außerdem wurde kein Bildmaterial verteilt, weder per E-Mail, USB-Stick, noch Fotoabzug. Wenn also ein Bild in der Zeitung zu diesem Thema erscheinen wird, dann wohl nur von den Wissenschaftlern bei ihrer heutigen Präsentation. Dabei sind diese winzigen Lemuren so fotogen.

 

Am Nachmittag bin ich dann in den Lemurenpark etwa 25 Kilometer außerhalb der Stadt gefahren. Auf dem Weg dorthin zogen auf einmal sehr dunkle Wolken auf. Minuten später fuhr das Taxi durch strömenden Regen, eine Pfütze ließ das Wasser so hoch spritzen, dass es durch das nicht ganz zu schließende Fenster in meinem Gesicht landete. Im Lemurenpark angekommen, frage ich mich: War der Weg umsonst? Ein Guide meint: "Es ist sogar gut, wenn es regnet, denn dann bewegen die Tiere sich nicht so viel und rennen nicht weg." Hm. Insgesamt 48 Lemuren leben in dem Park – ob ich wirklich welche sehe? Eine halbe Tasse Kaffee später klarte es auf und wir liefen los. Schon nach ein paar Minuten: ein Sifaka von der seltensten der acht Arten. Und da: die braun-weißen Sifakas. Und dann noch die schwarz-weißen. Und eine Maki-Mama mit Maki-Baby. Schließlich tauchen noch zwei Kattas auf, diese aggressiveren Lemuren mit dem schwarz-weißen Ringelschwanz, die es in einigen deutschen Zoos zu sehen gibt. "Nicht zu nah an den Baum gehen", warnt der Guide noch, als eines der beiden Kattas den Baumstamm herunterklettert. Ein anderer Guide scheucht das Tier sofort mit einem Stock wieder auf den Baum. Da lässt er sich eh besser fotografieren.

Do

05

Jan

2012

Tag 7: zavakanto – Kunst

Loïc Damade vor seinem Bild "Taxi Brousse" bei der Vernissage in Tana.
Loïc Damade vor seinem Bild "Taxi Brousse" bei der Vernissage in Tana.

Nach zwei Tagen mit lukullischen Blog-Einträgen, gibt es heute Kunst: Ich war auf der Vernissage für die Ausstellung "Prière de ne pas crier" (auf Deutsch in etwa "Gebet, nicht zu weinen". Der Künstler hinter dieser Ausstellung ist Loïc Damade, ein 25-jähriger Franzose. Seit einigen Jahren malt er vermeintliche Doktoren, deren Gesichter Fratzen oder Masken sind und auf dessen Arztkitteln das Rote Kreuz auch schon mal die Form eines christlichen Kreuzes oder eines Hundekopfes annimmt. Der Ausgangspunkt seiner Bilder seien Beobachtungen der Welt und ihrer gesellschaftlichen Unterschiede, sagt er. "Ich denke, man bezeichnet etwas als normal, wenn die Mehrheit der Menschen so ist. Aber was ist, wenn diese Mehrheit verrückt ist?" Loïc ist im Juni 2011 nach Madagaskar gekommen und dann ein paar Monate herumgereist. Unterwegs hat er viele Skizzen in ein kleines Buch mit Ledereinband gemalt und sich dann im November 2011 ein Atelier in Tana eingerichtet. Heute hingen gut zwei Dutzend Bilder an den Wänden der Gallery "Is'Art", davon gut die Hälfte mit Madagaskar-Motiven, zum Beispiel ein Fisch-Verkaufsstand oder die Frontalansicht eines Buschtaxis gen Antsirarana mit gut 20 Köpfen darin.

Mi

04

Jan

2012

Tag 6: fihinana sy fisotro – essbar und trinkbar

Neues Lieblingsgetränk: Corossol-Saft.
Neues Lieblingsgetränk: Corossol-Saft.

Kleiner Nachtrag zu gestern: Die eine (kleine, orangefarbene) Mango war sehr lecker. Außerdem habe ich heute eine der zwei Combava aufgeschnitten: Zum Essen war sie zu bitter, zum Trinken hat sie zu wenig Saft (beim Ausquetschen kamen nur ein paar Tropfen). Dafür habe ich dann eine Flasche mit Corossol-Saft (eigentlich Nektar mit 30% Fruchtsaft-Anteil) gesehen und sofort probiert: süß, aber nicht zu süß; dickflüssig, aber nicht klebrig. Auf jeden Fall: oberlecker!

Di

03

Jan

2012

Tag 5: miantsena – einkaufen

Pistazie ist nicht gleich Pistazie.
Pistazie ist nicht gleich Pistazie.

Heute war ich bei JUMBO, einem wahrlich jumbohaft riesigen Supermarkt. Eine befreundete Koala-Dame schrieb mir passenderweise vor wenigen Tagen, dass sie zu Beginn ihrer Zeit in Down Under immer Stunden im Supermarkt verbracht hatte: um Vokabeln zu lernen und Leute zu beobachten. Tatsächlich mache ich es ähnlich, denn das, was da in den Regalen ist, sagt doch einiges über Land und Leute aus. Hier also ein kleiner Streifzug:

 

Bei Jumbo kann man zunächst einmal eine Hollywoodschaukel kaufen (für 679.000 Ariary bzw. rund 238 Euro), eine Gitarre (129.000 Ar bzw. 45 Euro) und einen Weinschrank für 16 Flaschen (385.000 Ar bzw. 135 Euro). Dann kommt man zu fünf Regalmetern mit fünf bis sieben Böden übereinander – voller Sprays und Duftspiralen gegen Moskitos und Kakerlaken. Weiter geht es zum Gang mit Reis in Fünf-Kilo-Säcken, wobei gut die Hälfte der Sorten aus Thailand importiert ist, was ich persönlich erstaunlich finde, weil Madagaskar doch selbst Reis anbaut (wenn ich es schaffe, bei einer Reisplantage anzuhalten, und dort mit jemandem sprechen kann, muss ich dem mal nachgehen).

 

Dann geht es zum Obststand: Vier Sorten Mango stehen zur Auswahl und die Bananen sind überreif, braun gefleckt und zuckersüß duftend, so, wie man sie in Deutschland eben nie zu kaufen bekommt. Daneben liegen mir unbekannte Früchte: Die eine Frucht sieht aus wie eine riesige Avocado mit braunen Stacheln; die andere wie eine kleine, feste, schrumpelige Limette. Auf den Schildern steht "Corossol" und "Combava". Eine kurze Recherche ergibt: Corossol ist eine Stachelannone (was wahrscheinlich nur Köche und Botaniker verstehen) und Combava ist eine Kaffernlimette mit wenig Saft und vielen Kernen (wobei ich keine Ahnung habe, wie man die isst oder wozu, aber als Deko im Hotelzimmer machen sich die zwei gekauften Combava schon mal ganz gut).

 

Schließlich das Schokoladen-Regal! Madagassische Schokolade soll lecker sein, ein Paradies für Schokoladen-Junkies wie mich, schrieb mir ein Wissenschaftler aus den USA, der seit geraumer Zeit in Madagaskar forscht und den ich bald besuchen werde. Für den Anfang habe ich es bei einer Tafel belassen – für einen Vorrat ist es im Hotelzimmer mit Ventilator statt Klimaanlage zu warm. Es gibt übrigens auch Schokoladiges aus Deutschland, allerdings zu gar nicht süßen Preisen: Eine Mini-Packung mit drei Rocher-Kugeln kostet 41.500 Ar (15 Euro), Nutella im 350-Gramm-Glas 13.900 Ar (5 Euro) und ein 110 Gramm schwerer Weihnachtsmann von Kinder 21.900 Ar (8 Euro).

 

Dafür musste ich noch schmunzeln, als ich einen Beutel mit Erdnüssen fand und der Zettel darauf Pistazien ankündigt. Zumal zwei Meter weiter ein Beutel mit "echten" Pistazien samt Schale im Regal liegt. Ein Herr bemerkt meine Verwunderung und erklärt mir dann mit ernster Miene, dass das wirklich Pistazien in der kleinen Tüte sind – sie seien nur von ihrer Haut befreit und gekocht worden. Wir diskutieren ein wenig, während ich die beiden Beutel in den Händen halte. Wir erörtern die Wörter für Pistazie und Erdnuss in Deutsch, Englisch und Französisch. Schließlich frage ich, ob diese "gekochten" Pistazien ursprünglich einzeln oder doppelt in ihrer Hülle vorkommen. "Immer zwei zusammen", sagt er und verabschiedet sich – mit einem Blick, der sagt: Pistazien eben.

Mo

02

Jan

2012

Tag 3: Baguette gesucht, neue Freunde gefunden

Blick auf Tanas Zentrum.
Blick auf Tanas Zentrum.

Zwei Stunden war ich gestern mit einem Taxifahrer unterwegs – ein wenig Sightseeing. Erster Stopp: der 1872 gebaute Palast des einstigen Premierministers Rainilaiarivony – das aber samt integriertem Museum geschlossen ist, seit die dort verwahrte Krone der Königin verschwunden ist. Zweiter Stopp ein paar hundert Meter weiter: der Palast der Königin Ranavalona I. – der aber auch nicht geöffnet war, zum einen weil der hölzerne Palast 1995 abgebrannt ist, so dass nur das Steingebäude drumherum erhalten geblieben ist, zum anderen, weil es seit der Rekonstruktion und wegen des Feiertages noch nicht wieder zugänglich ist. Immerhin bot der Aussichtspunkt einen herrlichen Blick über die Stadt.

 

Als der Taxifahrer mich wieder am Hotel abgesetzt hat, wollte ich ein Baguette als Mittagssnack kaufen – doch nirgends gab es etwas zu essen. Selbst das Bistro des Hotels hatte geschlossen, und auch auf den Straßen waren keine Stände. Nach einigem Suchen entdeckte ich einen kleinen Aufsteller mit dem Mittagsmenü. Tatsächlich: In einem Hinterhof stand eine Eis-Theke mit Kuchenstücken darin, ein Madagasse kochte auf einer offenen Feuerstelle – und dahinter war ein kleiner Raum mit einem Tisch voller Menschen. "Ist hier geschlossene Gesellschaft?", fragte ich vorsichtig. "Nein, nein. Setz' dich zu uns." Es stellte sich heraus: Sie sind vom US-amerikanischen Peace Corps. Kaum hatte ich erzählt, dass ich in den nächsten drei Monaten auf der ganzen Insel über Biodiversität und Umweltschutzprojekte recherchieren möchte, schrieben sie mir eine Liste: wer von ihnen wo was macht und dass ich unbedingt vorbeikommen solle. Welch glücklicher Zufall!

 

Am Abend trafen wir uns dann erneut zum Essen. Auf dem Weg dahin habe ich mich zwar verlaufen, aber ein Einheimischer, den ich nach dem Weg gefragte hatte, brachte mich dann persönlich bis zur Restauranttür. Diesmal waren noch mehr von der Peace Corps-Truppe gekommen: gut anderthalb Dutzend. Fast alle von uns bestellten schließlich ein Sandwich. Doch dann kam die Kellnerin zum Tisch zurück: "Entschuldigung, aber wir haben kein Baguette mehr."

So

01

Jan

2012

Tag 3: taombaovao – Neujahr

Kein Feuerwerk, aber ein Midnight-Dinner auf der Straße
Kein Feuerwerk, aber ein Midnight-Dinner auf der Straße

"Bienvenue, l'année 2012" sagt der Taxifahrer Erik. Es ist zwar erst 23h57, aber egal. Schließlich hupen auf der Straße schon alle wie verrückt. Dann dreht Erik das Radio auf. Niemand zählt einen Countdown. Wir schütteln uns die Hände, wünschen uns alles Gute für das neue Jahr und fahren weiter durch die Stadt. Nirgends ist ein Feuerwerk zu sehen, aber auf den Straßen wird gefeiert; manche torkeln, einigen geht es noch schlimmer. Wir halten an einer kleinen Reisküche von Eriks Freunden. Ich darf ein paar Fotos machen, aber erst, wenn die drei Polizisten am Tisch mit ihrem Midnight-Dinner fertig und davongefahren sind. Auf dem Rückweg zum Hotel fahren wir noch an der "Szene-Disko" der Stadt vorbei: Viele in der Schlange vorm Eingang haben sich schick gemacht. Keine 20 Meter entfernt schläft eine ganze Familie auf der Straße. Madagaskar ist eben eines der ärmsten Länder der Welt.

Sa

31

Dez

2011

Tag 2: Oram-baratra – Gewitter

Eigentlich ist da eine Straße mit vielen Menschen und kleinen Ständen.
Eigentlich ist da eine Straße mit vielen Menschen und kleinen Ständen.

15h50: Ein Donner weckt mich aus der Siesta (der Schlafmangel von der Reise, die ungewohnte Hitze…).

 

16h00: Die ersten Regentropfen – die Menschen auf den Straßen sammeln die T-Shirts, Haarspangen und Suppenschüsseln an ihren Ständen zusammen und eilen davon.

 

16h10: Ich komme an der Avenue de l'Indépendance an, der großen Promenade und Einkaufsstraße in der Innenstadt. Ich möchte zwei junge Frauen fotografieren, die seelenruhig an ihrem Stand unter einem großen Schirm ausharren, während um sie herum alle kreuz und quer flitzen. Also greife ich in die Hosentasche, um meine kleine Kamera herauszuholen – und von einer Sekunde auf die nächste bin ich umringt von bettelnden Jungen. Sie wedeln mit ihren zerschlissenen Basecaps direkt vor der Nase, tippen mich an, zerren an den Hosentaschen, umringen mich, sodass ich kaum einen Schritt tun kann. Weitere Jungen kommen angerannt. Ein Dutzend Halbwüchsiger und eine "Vazaha". Ich probiere es mit einem freundlichen Nein, mit Kopfschütteln, mit Ignorieren – sie rücken mir nicht von der Pelle. So wird es mir sicher noch oft ergehen, so wie all den anderen Ausländern eben auch. Was ich aber noch nie in solch einer Situation erlebt habe: Ein älterer Herr, der vorbeigeht, fragt mich, ob alles okay ist und ob ich Hilfe brauche. Ein paar der Kinder machen sich auch direkt aus dem Staub. Den anderen sage ich schließlich "Laissez-moi!" Ohne "bitte". Danach sind sie weg. Vielleicht hat sie ja auch nur der Regen in die Flucht geschlagen.

 

16h25: Endlich kommt der richtige Wolkenbruch. Ich stelle mich vor einem Bistro unter und schaue zu, wie der Wasserpegel auf der Straße immer höher steigt. Ein kleiner Junge springt barfuß durch den überfluteten Rinnstein. Ein Geländewagen prescht die Straße hinauf, auf dass das dreckige Wasser bis übers Wagendach spritzt.

 

16h50: Mit einem Mal wird es ruhig. Wenige Sekunden später strömen die ersten Menschen auf die Straßen. Als ich zum Hotel zurücklaufe, merke ich, dass der Mann, den ich heute schon mehrfach quer auf dem Fußweg habe liegen und schlafen sehen, nicht mehr da ist. Ich biege um die Ecke: Da sitzt er mit drei kleinen Kindern und hält mir eine nasse Mütze hin.

 

Nachtrag um 20h30:

Ich werde auf jeden Fall wortwörtlich ins neue Jahr rutschen - es regnet nun schon den ganzen Abend und die Außentreppen des Hotels und der Weg zum Restaurant sind voller Pfützen ...

Ein guten Rutsch euch/Ihnen allen!

Sa

31

Dez

2011

Tag 1: Tonga soa - willkommen!

Endlich in Madagaskar, wenn auch noch über den Wolken.
Endlich in Madagaskar, wenn auch noch über den Wolken.

Drei Flüge in zwei Tagen, 11.256 Kilometer in der Luft und ein paar hundert Meter auf dem Boden von vier Ländern: Am Nachmittag bin ich schließlich in Madagaskar angekommen.

 

Visa-Kontrolle: kein Problem.

Eine Stunde mit dem Chauffeur: sehr unterhaltsam.

Der erste Eindruck (wie erwartet): heiß, bettelnde Kinder, Marktstände entlang den Straßen.

Das Hotel Sakamanga: ein Museum mit kleinen, aber feinen Schlafgemächern und bislang ohne Untermietern.

Der Abend: sehr unterhaltsam mit einem Mitarbeiter der GIZ, samt kurzer Stadtrundfahrt, leckerem Abendessen im Restaurant "Le B", noch einer Nacht-Stadtrundfahrt sowie einem Absacker-Bier im Café de la Gare mit Klaviergeklimper im Hintergrund und rangierenden Güterzügen neben der Terrasse.

 

Jetzt: Bonne nuit!

Do

29

Dez

2011

Tag 0: Auf geht's!

"Lang, lang ist es her, so erzählt einer der Könige von Farafangana an der Südostküste Madagaskars, da lebte dort ein Fischer, der sehr arm war. Eines Tages angelte er einen großen Fisch und tanzte vor Freude, weil er endlich mit seiner Angelrute einen guten Fang gemachte hatte. Er steckte den Fisch in den Korb und war auf dem Weg nach Hause, als plötzlich eine Stimme aus dem Korb kam: 'Töte mich nicht, ich werde dir Glück bringen!'"

(Aus: Der glückliche Fischer. Übersetzt von Moks Nasoloarisoa Razafindramiandra 1988)

 

Madagaskar sollte zur "ersten humanistischen und ökologischen Republik der Welt" werden. Madagaskars Schutzgebiete sollten bis 2008 verdreifacht werden, von 1,6 Millionen Hektar (drei Prozent der Landesflache) bis auf sechs Millionen Hektar. Beides ist bislang nicht erreicht. Dabei ist es wohl nirgends auf der Welt so wichtig, die Artenvielfalt zu schützen wie in bzw. auf Madagaskar: Dieser Inselkontinent, der sich vor rund 160 Millionen Jahren vom afrikanischen Festland abgespalten hat, ist einer der "Biodiversity Hotspots", die die Umweltschutz-Organisation Conservational International identifiziert hat. Hier, auf der viertgrößten Insel der Welt, gibt es schätzungsweise 250.000 Pflanzen- und Tierarten. Etwa 70 bis 90 Prozent davon sind endemisch, kommen also nirgendwo sonst auf der Welt vor. Am bekanntesten sind die Lemuren; alle rund 100 Arten dieser Primaten gibt es nur auf den madagassischen Inseln. Auch mehr als 250 Mistkäferarten kommen nur hier vor. Außerdem gibt es in Madagaskar mehr als 200 Froscharten, in Europa hingegen nicht einmal 20. Und von allen weltweit bekannten Chamäleonarten findet man die Hälfte auch auf Madagaskar, ebenso sieben der acht Arten des Affenbrotbaumes. Deswegen wird Madagaskar auch als "Arche Noah der Welt" bezeichnet.

 

Doch das madagassische Rettungsschiff der Arten, das entgegen dem biblischen Bild auch Pflanzen an Bord hat, ist mehr denn je im Begriff zu sinken. Die Rote Liste gefährdeter Arten, die die International Union for Conservation of Nature führt Dutzend Spezies auf, die vom Aussterben bedroht sind.

 

Was können also Einheimische tun, damit ihre Arche Noah nicht untergeht? Wie helfen Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen? Und welche Hürden gibt es? Diesen und anderen Frage werde ich in den nächsten drei Monaten – dank eines Recherchestipendiums der Heinz-Kühn-Stiftung – nachgehen.

 

Au revoir – ich steige gleich in Paris in den Flieger nach Mauritius, von wo es morgen nach Tana geht...

Madagaskar lässt grüßen: Joghurtdrink mit original madagassischer Vanille auf dem Flughafen Paris Charles de Gaulle.
Madagaskar lässt grüßen: Joghurtdrink mit original madagassischer Vanille auf dem Flughafen Paris Charles de Gaulle.