Tag 74 (Mo., 12.03.2012): Die Odyssee von Ranomafana

17h07: Das Interview mit dem Direktor des Nationalparks Ranomafana, dem wohl bekanntesten Nationalpark Madagaskars, ist zu Ende. Endlich. Nicht, weil es uninteressant gewesen wäre. sondern weil ich dringend zur Nationalstraße muss, um noch ein Buschtaxi nach Fianarantsoa zu erwischen. "Ab 17 Uhr fährt kaum noch eins, wenn überhaupt. Und wenn bis 19 Uhr keines vorbeigekommen ist, war's das", hatte mir eine deutsche Doktorandin im nahe gelegenen Wissenschaftszentrum ValBio am Mittag gesagt.

 

17h22: Ich komme an der Straße an, kaufe noch schnell ein paar Bananen und stelle mich an den Straßenrand.

 

17h50: Bei einem Kiosk auf der anderen Straßenseite "leihe" ich mir einen Hocker und bestelle als Dankeschön eine Cola. "Macht 10.000", sagt die Mademoiselle. "10.000 Franc malgache, nicht wahr?" – "Nein." – "10.000 Ariary?" – "Ja." – En Brousse werden Preise gerne in Franc malgache angegeben, auch wenn es diese Währung nun schon einige Jahre nicht mehr gibt. Man muss also immer durch fünf teilen. Jetzt aber nicht. 3,50 für eine kleine Flasche Cola ist happig, aber dafür habe ich den Hocker. Ich gebe der Dame einen 10.000-Ariary-Schein.

 

17h55: Ein Taxi Brousse kommt. Leider fährt es in die falsche Richtung.

 

18h03: Die Mademoiselle kommt wieder – mit 8000 Ariary.

 

18h35: Es fängt an zu dämmern. Noch immer kein Taxi Brousse nach Fianarantsoa.

 

18h45: Ein angetrunkener Herr spricht mich an. Er sei Guide im Nationalpark, aber unzufrieden: mit der Ausbildung, mit den Kollegen, mit der Bezahlung. Ob er sich dann nicht eine andere Arbeit suchen möchte? Nein.

 

18h55: Mittlerweile ist es stockduster. Die Marktstände sind abgebaut. Kaum noch Leute auf der Straße.

 

19h05: Immer noch kein Taxi Brousse. Jetzt bin ich doch etwas beunruhigt. Also krame ich den Zettel heraus, auf dem mir die Hotel-Rezeptionistin am Morgen die Handynummer eines Taxi-Fahrers aufgeschrieben hat, der mich abholen könne, wenn ich in Ranomafana hängenbleibe. Und das bleibe ich ja gerade.

 

19h08: "Und wer bezahlt mir den Sprit?", fragt der Taxifahrer am Telefon. "Na ich, wenn wir zurück in Fianar sind." – "Ich habe aber keinen Sprit und kein Geld. Außerdem ist es Nacht."

 

19h10: Erneuter Anruf im Hotel: Ob man mir bitte ein anderes Taxi organisieren könne?

 

19h25: Die Rezeptionistin gibt eine neue Nummer durch. Für 100.000 Ariary würde jemand vom Hotel gleich losfahren. An einem beleuchteten Tisch des Kiosks schreibe ich Namen und Telefonnummer auf einen Zettel und lege auf. Ein Mann spricht mich an: "Kommt jemand, um Sie abzuholen?" – "Ja, ich kann ja nicht hier auf der Straße übernachten." – "Das da ist mein Auto. Wir könnten gleich losfahren. Für den gleichen Preis." – Keine Ahnung, ob ich dem Herrn vertrauen kann. Aber anderthalb, zwei Stunden hier im Dunkeln auf das Taxi warten? Das Auto hier ist ein 4x4, sieht gut in Schuss aus. "D'accord. On y va."

 

19h32: Wie üblich steigt noch ein Freund mit ins Auto – für alle zur Sicherheit und für die Rückfahrt zur Unterhaltung des Chauffeurs.

 

19h34: "Woher kommen Sie?", fragt der Beifahrer. "Aus Deutschland." – "Ich habe Germanistik studiert", sagt der Beifahrer. Es stellt sich heraus, dass Fenosoa gerade in einem Projekt des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Tana mitarbeitet und dass seine Abschlussarbeit im Zweitstudium Geographie von der GIZ betreut wurde. Wir unterhalten uns weiter auf Deutsch – über die Flitterwochen des österreichischen Paares, die er und sein Fahrer Nicolas gerade als Touristenführer begleiten, über deutsch-madagassische Zusammenarbeit, über den Einfluss des Klimawandels auf die Biodiversität.

 

21h12: Wir kommen in Tana an. Nicht nur ich wurde gerettet, sondern der ganze Abend.