Tag 32 (Mo., 30.01.2012): Lepra

Josianne: Das Lepradorf ist seit Jahren ihr Zuhause.
Josianne: Das Lepradorf ist seit Jahren ihr Zuhause.

Josianne hockt in der gleißenden Sonne auf dem kleinen Feld und rupft Unkraut. Die Finger sind verkümmert, ihre Füße nur noch Stummel. An einem Stock hievt sie sich hoch, um ein paar Meter zu laufen. "Ich hatte Lepra, bin aber erst sehr spät in ein Krankenhaus gegangen. Nachdem ich zwei Jahr behandelt wurde, war ich wieder gesund, aber meine Eltern hatten Angst, sich trotzdem anzustecken, und deswegen verweigert, mich wieder aufzunehmen." Nach Hause konnte Josianne also nicht mehr – aber ins Lepradorf Belfort am Stadtrand von Antalaha. Hier hat sie zwei Mädchen auf die Welt gebracht. Hier kümmert sie sich jeden Tag um ein kleines Feld mit Reis, Mais, Bananen und ein paar Gala-Bäumen für Brennholz. Hier hat sie Freunde.

 

Lepra wird durch das Bakterium Mycobakterium leprae ausgelöst; Nerven sterben ab, das Gesicht wird wulstig, Knochen und Muskeln zerfallen. Über Lepra spricht man nicht gerne, die Krankheit bereitet Gesunden Angst. Dabei ist Lepra nicht so ansteckend, wie viele denken. Zumal die akute Infektion mit modernen Medikamenten gut heilbar ist. Schwierig sind die Folgen, vor allem die Verstümmelung von Händen und Füßen und psychische Probleme, weil die Kranken ausgegrenzt werden und nicht mehr arbeiten können. Die Weltgesundheitsorganisation möchte Lepra am liebsten ausrotten wie die Polio – allein in der Region um Antalaha werden pro Jahr rund 60 neue Fälle diagnostiziert, auch wenn Öffentlichkeit und Regierung lieber wegschauen.

 

In dem Lepradorf Belfort und seinem Nachbardorf ein paar Kilometer weiter südlich leben rund 30 Familien: Ansteckend ist hier keiner mehr, die Kinder sind eh gesund geboren, doch sie sind auf Hilfe angewiesen. Deswegen hat Marie-Hélène Kam Hyo Zschocke, Madagassin mit chinesischen Vorfahren und deutschem Ehemann, 1998 CALA gegründet, das Comité d'Aide aux Lepreux d'Antalaha. Etwa 15.000 Euro sind pro Jahr nötig, um das Dorf zu finanzieren. Das Geld kommt von Spendern und aus den Erträgen einer kleinen Schmuck- und Handwerksboutique im Zentrum von Antalaha. Mittlerweile wurden neue Holzhütten und saubere Toilettenhäuschen gebaut – und eine Schule gegründet. "Die Kinder brauchen Bildung, um aus dem Dorf herauszukommen und um sich ein Leben aufzubauen", sagt Marie-Hélène. Sieben Klassen gibt es nun, von Dreijährigen in der Vorschulklasse bis zu den Jugendlichen, die nächstes Jahr aufs Gymnasium gehen könnten. "Letztes Jahr haben alle Schüler der Abschlussklasse die Prüfung fürs Lycée bestanden", sagt Marie-Hélène voller Stolz. "So können sich die Kinder der Lepra-Kranken in der Gesellschaft integrieren. "Mittlerweile kommen aber auch Kinder aus der Stadt in unsere Schule im Lepradorf. Das ist echte Integration."

 

Auch Josianne merkt, dass sie – wenn sie in die Stadt geht – nicht mehr so häufig beschimpft wird. "Als ich Weihnachten etwas zum Anziehen und Geschenke für meine Kinder kaufen wollte, hat mich erst ein Ladenbesitzer abgewiesen. In einem anderen Geschäft hat man mir einen Platz zum Hinsetzen und Ausruhen angeboten und mir dann sogar alles geschenkt. Für die Kinder hat mir der Besitzer noch Kekse mitgegeben und sogar Geld, damit ich nach Hause fahren kann."