Tag 9: olona gidro - Lemuren

Einer von 48 Lemuren im Lemurenpark bei Tana.
Einer von 48 Lemuren im Lemurenpark bei Tana.

Heute war der Tag der Lemuren, den berühmtesten Tieren Madagaskars: Vormittags war ich auf einer Pressekonferenz, auf der eine neu entdeckte Lemurenart vorgestellt wurde; nachmittags ging es dann in den Lemurenpark etwas außerhalb von Tana. Doch der Reihe nach…

 

Lemuren sind Halbaffen (biologisch korrekt ausgedrückt "Feuchtnasenaffen") und kommen nur hier auf Madagaskar vor. Rund 100 Arten sind mittlerweile bekannt. Das Handbuch "Lémuriens de Madagascar" beschreibt in seiner ersten Ausgabe von 1994 genau 50 Lemuren-Arten, in der zweiten Ausgabe von 2006 sind es 71 und in der dritten Auflage von 2010 sind es exakt 101 Arten. Jetzt kommt noch eine dazu: Microcebus gerpi, auf Deutsch Gerps Mausmaki – benannt nach der madagassischen Organisation GERP (Groupe d'Etude et de Recherche sur les Primates de Madagascar). "Als wir im Sahafina-Wald die Tiere gesehen haben, dachten wir erst, es wären Lemuren der Art Microcebus lehilahytsara, die aus einem benachbarten Naturschutzgebiet bekannt sind: Sie hatten weiß-braunes Fell und wogen etwa 60 Gramm", erzählt Jonah H. Rasimbazafy auf der Pressekonferenz. Aber genetische Untersuchungen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover hätten schließlich gezeigt, dass es sich um eine bislang unbekannte Art handelt, also eine Schwesternart von M. lehilahytsara.

 

Zugleich ließ sich während der Pressekonferenz beobachten, wie Wissenschaftsjournalismus in Madagaskar funktioniert: Es wurde eine Pressemappe an die Journalisten verteilt, in der die wissenschaftliche Publikation zu dieser neuen Lemuren-Art lag sowie eine französische Zusammenfassung. Das Paper hat niemand von den rund einem Dutzend Journalisten gelesen (zumindest vor Ort); deswegen hat wohl auch keiner gemerkt, dass das Paper bereits am 24. Dezember erschienen ist, die Nachricht also zwei Wochen alt ist. "Mora mora" eben – immer mit der Ruhe. Deswegen und weil in der französischen Zusammenfassung das Paper nicht erwähnt wurde, nehme ich an, dass in keinem der folgenden Zeitungsartikel auf die wissenschaftliche Publikation hingewiesen wird. Außerdem wurde kein Bildmaterial verteilt, weder per E-Mail, USB-Stick, noch Fotoabzug. Wenn also ein Bild in der Zeitung zu diesem Thema erscheinen wird, dann wohl nur von den Wissenschaftlern bei ihrer heutigen Präsentation. Dabei sind diese winzigen Lemuren so fotogen.

 

Am Nachmittag bin ich dann in den Lemurenpark etwa 25 Kilometer außerhalb der Stadt gefahren. Auf dem Weg dorthin zogen auf einmal sehr dunkle Wolken auf. Minuten später fuhr das Taxi durch strömenden Regen, eine Pfütze ließ das Wasser so hoch spritzen, dass es durch das nicht ganz zu schließende Fenster in meinem Gesicht landete. Im Lemurenpark angekommen, frage ich mich: War der Weg umsonst? Ein Guide meint: "Es ist sogar gut, wenn es regnet, denn dann bewegen die Tiere sich nicht so viel und rennen nicht weg." Hm. Insgesamt 48 Lemuren leben in dem Park – ob ich wirklich welche sehe? Eine halbe Tasse Kaffee später klarte es auf und wir liefen los. Schon nach ein paar Minuten: ein Sifaka von der seltensten der acht Arten. Und da: die braun-weißen Sifakas. Und dann noch die schwarz-weißen. Und eine Maki-Mama mit Maki-Baby. Schließlich tauchen noch zwei Kattas auf, diese aggressiveren Lemuren mit dem schwarz-weißen Ringelschwanz, die es in einigen deutschen Zoos zu sehen gibt. "Nicht zu nah an den Baum gehen", warnt der Guide noch, als eines der beiden Kattas den Baumstamm herunterklettert. Ein anderer Guide scheucht das Tier sofort mit einem Stock wieder auf den Baum. Da lässt er sich eh besser fotografieren.