Tag 2: Oram-baratra – Gewitter

Eigentlich ist da eine Straße mit vielen Menschen und kleinen Ständen.
Eigentlich ist da eine Straße mit vielen Menschen und kleinen Ständen.

15h50: Ein Donner weckt mich aus der Siesta (der Schlafmangel von der Reise, die ungewohnte Hitze…).

 

16h00: Die ersten Regentropfen – die Menschen auf den Straßen sammeln die T-Shirts, Haarspangen und Suppenschüsseln an ihren Ständen zusammen und eilen davon.

 

16h10: Ich komme an der Avenue de l'Indépendance an, der großen Promenade und Einkaufsstraße in der Innenstadt. Ich möchte zwei junge Frauen fotografieren, die seelenruhig an ihrem Stand unter einem großen Schirm ausharren, während um sie herum alle kreuz und quer flitzen. Also greife ich in die Hosentasche, um meine kleine Kamera herauszuholen – und von einer Sekunde auf die nächste bin ich umringt von bettelnden Jungen. Sie wedeln mit ihren zerschlissenen Basecaps direkt vor der Nase, tippen mich an, zerren an den Hosentaschen, umringen mich, sodass ich kaum einen Schritt tun kann. Weitere Jungen kommen angerannt. Ein Dutzend Halbwüchsiger und eine "Vazaha". Ich probiere es mit einem freundlichen Nein, mit Kopfschütteln, mit Ignorieren – sie rücken mir nicht von der Pelle. So wird es mir sicher noch oft ergehen, so wie all den anderen Ausländern eben auch. Was ich aber noch nie in solch einer Situation erlebt habe: Ein älterer Herr, der vorbeigeht, fragt mich, ob alles okay ist und ob ich Hilfe brauche. Ein paar der Kinder machen sich auch direkt aus dem Staub. Den anderen sage ich schließlich "Laissez-moi!" Ohne "bitte". Danach sind sie weg. Vielleicht hat sie ja auch nur der Regen in die Flucht geschlagen.

 

16h25: Endlich kommt der richtige Wolkenbruch. Ich stelle mich vor einem Bistro unter und schaue zu, wie der Wasserpegel auf der Straße immer höher steigt. Ein kleiner Junge springt barfuß durch den überfluteten Rinnstein. Ein Geländewagen prescht die Straße hinauf, auf dass das dreckige Wasser bis übers Wagendach spritzt.

 

16h50: Mit einem Mal wird es ruhig. Wenige Sekunden später strömen die ersten Menschen auf die Straßen. Als ich zum Hotel zurücklaufe, merke ich, dass der Mann, den ich heute schon mehrfach quer auf dem Fußweg habe liegen und schlafen sehen, nicht mehr da ist. Ich biege um die Ecke: Da sitzt er mit drei kleinen Kindern und hält mir eine nasse Mütze hin.

 

Nachtrag um 20h30:

Ich werde auf jeden Fall wortwörtlich ins neue Jahr rutschen - es regnet nun schon den ganzen Abend und die Außentreppen des Hotels und der Weg zum Restaurant sind voller Pfützen ...

Ein guten Rutsch euch/Ihnen allen!